Monika Meyer, 56 Jahre
Wie lange sind Sie schon selbstständig?
seit 1988
Wie heißt Ihre Firma?
Bis 2005 mM Büroservice – seit 2006 mM Coaching
www.monikameyer-coaching.de
Wie groß ist Ihre Firma? (Mitarbeiter/Umsatz)
Als mM Büroservice bis zu 5 Mitarbeitern mit bis zu 500 TDM Umsatz.
Als mM Coaching bin ich Allein-Unternehmer mit zur Zeit variablen Umsätzen, weil ich noch viel Zeit für Vorbereitungen und Zertifizierungen (Fachtrainerin, Krisen- und Workshop-Moderator) aufwende.
In welcher Rechtsform ist die Firma organisiert?
Einzelfirma
Was genau war die anfängliche Geschäftsidee?
Komplette Bereitstellung von Büro und Dienstleistung rund um das Büro.
Was für ein Angebot an die Kunden hat sich aus der anfänglichen Geschäftsidee entwickelt?
Zu Beginn meiner Selbstständigkeit verfügte ich bereits über viel Berufserfahrung. Auch als Mitarbeiterin in Unternehmen wurde ich immer schon mit Einarbeitung oder Ausbildung von Mitarbeitern, Kollegen und Auszubildenden beauftragt. Meine Kunden merkten das sehr schnell und beauftragten mich ebenfalls mit der Ausbildung ihrer Mitarbeiter. Oder Existenzgründer beauftragten mich, Ihnen in Bereichen, in denen sie selbst noch keine Erfahrung hatten, mit Rat und Tat zu helfen. Ich richtete z.B. die Buchhaltung oder die Büroorganisation ihrer Unternehmen ein und übergab die fertigen Produkte an später dafür eingestellte Mitarbeiter.
Erzählen Sie uns von den Anfängen Ihres Weges in die Selbstständigkeit: Wann haben Sie den Gedanken an Selbstständigkeit zum ersten Mal gefasst?
Ich war 34 Jahre alt und habe in einem Industrieunternehmen als Office-Managerin gearbeitet. Irgendwie hatte ich das Gefühl, das kann jetzt nicht alles gewesen sein. Ich hatte zwar noch einige Zusatzaufgaben an meinem Arbeitsplatz wie z.B. die Verwaltung des Bürogebäudes, in dem wir arbeiteten, aber ich langweilte mich. Mir fehlte allerdings die damals notwendige Schulbasis für weitere Karriere-Ideen und ich ging 4 Jahre täglich (außer in den Schulferien) nach der Arbeit auf das Abendgymnasium, um Versäumtes nachzuholen.
Als die Prüfungsphase in meiner Abendschule kam, wollte ich unbezahlten Urlaub zum Lernen nehmen. Unbezahlter Urlaub wurde im Unternehmen aus Prinzip nicht erlaubt, und ich habe gekündigt, was ich 3 Monate später sowieso gemacht hätte, weil ich eigentlich noch studieren wollte.
Da ich im Unternehmen bekannt war wie ein bunter Hund („Frag’ die Meyer, die kennt die Antwort“), hatte ich von ehemaligen Kollegen und Vorgesetzten plötzlich mehr Auftragsanfragen und Arbeit als vorher. Aus Angst, mir könnte frühzeitig das Geld ausgehen, nahm ich an, was ich bewältigen konnte.
Das endete in „Arbeit-rund-um-die-Uhr“, und weil es 1988 noch kein Handy gab, schrie es nach einer zentralen Anlaufstelle. Das war die Geburtsstunde der Idee „Büroservice“.
Der Gedanke an Selbstständigkeit – irgendwann – war für mich immer präsent, weil ich in einem Dienstleistungsunternehmen aufgewachsen bin und die Idee von Dienstleistung sozusagen mit der Muttermilch erhielt. Für mich war die Frage nie: OB selbstständig, sondern nur: WANN selbstständig. Die Art, wie es passiert ist, war allerdings nicht so geplant.
In welcher beruflichen (evtl. auch privaten) Situation waren Sie?
Beruflich: siehe oben, privat: ledig, ungebunden und Herr meiner Entscheidungen.
Wie lange hat es bis zur Selbstständigkeit gedauert?
Als ich nach meiner Kündigung die ersten Rechnungen schreiben musste, brauchte ich eine Steuernummer. Ich ging zum Ordnungsamt, meldete mein Gewerbe „Büroorganisation“ an, zahlte DM 20,00 und war selbstständig.
Der Rest ging automatisch, weil das Finanzamt über die Gewerbeanmeldung vom Ordnungsamt sofort informiert wird.
Das erste, was ich nach dieser Aktion los war, war mein Kontokorrent-Kredit bei meiner Bank. Es kam ja nun kein Gehalt mehr, und als Selbstständige war ich ein Risiko-Kunde.
Wie lange hat die konkrete Planungsphase gedauert?
Wie Büro und Selbstständigkeit funktioniert, wusste ich. Die Planung der Art der Dienstleistung ergab sich aus meiner aktuellen Auftragssituation. Außerdem habe ich bei der IHK ein Existenzgründer-Seminar besucht, einen Businessplan erstellt und eine Bank und Büroräume gesucht. Die meiste Zeit verging mit der Einrichtungsplanung und der Lieferzeit der Einrichtung für die Kundenbüros. Ohne fertige Büros kein Mietvertrag.
Ich denke, es waren zwischen mindestens 3 und maximal 6 Monate – genau habe ich es vergessen.
Wie lange hat es gedauert, bis Sie zum ersten Mal den geplanten/erhofften Minimal-Umsatz erreicht hatten?
Mit dem Büroservice ca. 1 Jahr. Ich habe allerdings eine Aushilfe an das Telefon gesetzt und den fehlenden Umsatz zusätzlich außer Haus beim Kunden eingearbeitet.
Falls Sie noch nicht so weit sind: Was denken Sie, wann werden Sie den geplanten Minimal-Umsatz erreichen?
Mit meinem „neuen“ Unternehmen mM Coaching Ende 2007.
Welche Ihrer Charakterstärken haben Ihnen in der Anfangsphase geholfen? Welche Charakterstärken haben geholfen, bis heute den Weg der Selbstständigkeit durchzuhalten?
Ich wurde zum Durchhalten erzogen, und auch Taschengeld gab es nur gegen Arbeit. Eine hohe Flexibilität kommt da automatisch, und das was einem an Flexibilität am Anfang einer Selbstständigkeit noch fehlt, lernt man durch das Leben als Unternehmerin. Die anfallenden Probleme müssen irgendwie bewältigt werden.
Meine Ordnungsliebe (manche sagen „Macke“) ist ein erforderlicher Teil meines Berufes, ein Teil meines Sternzeichens und war immer hilfreich, wenn es mal drunter und drüber ging.
Dass ich bis heute den Weg der Selbstständigkeit durchgehalten habe, liegt vielleicht auch daran, dass es mir nie in den Sinn kam, aufzugeben. Ich habe zwar manchmal in meinem Büro gesessen und mich gefragt, was mich gebissen hat, mich mit „diesem Laden“ selbstständig zu machen, aber das verging wie Bauchweh, und das wusste ich auch. Ich habe bei Problemen immer aktiv eine Lösung gesucht, auf eine andere Idee bin ich gar nicht gekommen. Für manche Lösungen muss man sich mal ein oder zwei Tage „verstecken“ und nachdenken, aber das war es dann auch.
Welche Ihrer Talente haben beim Weg in die Selbstständigkeit geholfen?
Ich würde es nicht als Talent, sondern als glücklichen Umstand bezeichnen. Mein Elternhaus und die Tatsache, dass wir auch als Kinder schon für Taschengeld arbeiten mussten, führte dazu, dass man in den Tagesablauf des Unternehmens Einblick hatte und viel sah und hörte. Das betraf die Mitarbeiter und die Kunden, und so konnte man schon einiges an Menschenkenntnis und beobachteten Situationen mit ins Leben nehmen.
Ansonsten konnte ich JEDE!!! praktische und theoretische Ausbildung, die ich je bekam, in meinem Dienstleistungsunternehmen „verkaufen“. Egal ob Organisation, Buchhaltung, Event-Management, Übersetzungen, Unterstützung bei Auswahl und Test von Bewerbern – oder Kunden mit runterhängenden Ohren trösten.
Woher kam das Geld zum Leben in der Anfangszeit, bevor Sie erstes Geld in der Selbstständigkeit verdient haben?
Ich habe eine Aushilfe an das Telefon gesetzt und den fehlenden Umsatz zusätzlich außer Haus beim Kunden eingearbeitet. Das habe ich so umfangreich betrieben, dass es auch privat für die Miete gereicht hat.
Hatten Sie Ratgeber (Menschen/Firmen/Bücher/Computerprogramme)? Welche waren besonders wichtig?
Meine Eltern soweit ich es zuließ.
IHK-Existenzgründer-Seminar.
Bücher zur Existenzgründung gab es kaum und Computerprogramme sowieso noch nicht.
Ich hatte gerade den ersten PC unter DOS (grüne Schrift auf schwarzem Bildschirm) und sagenhafte 20 MB Festplatte mit dem Programm Word Perfect. Eine Maus gab es bei Apple, aber sonst nicht.
Vor welchen Herausforderungen standen Sie beim Schritt in die Selbstständigkeit? Welche Veränderungen/Probleme gab es?
Auch wenn man nicht für jeden sichtbar ständig arbeitet, ist man 24 Stunden täglich und 7 Tage in der Woche selbstständig. Wenn man Sorgen hat, arbeitet man auch nachts, weil man eh nicht schlafen kann. Man glaubt am Anfang ganz fest, wenn der Laden richtig läuft, sind die Sorgen weg. Wenn dann der Laden richtig läuft und man muss arbeiten, ohne auf die Uhr zu achten, stellt man fest, die Sorgen haben sich nur verändert. Darauf, dass die Sorgen verschwinden warte ich nach fast 20 Jahren noch immer.
Das Einzige, was ich versprechen kann: man lernt, mit den Sorgen und Problemen umzugehen, und man entwickelt Strategien, Sorgen und Probleme aktiv zu vermeiden oder auf ein unvermeidbares Maß zu reduzieren. Wenn man das kann, hat man Selbstständigkeit gelernt.
Mit dem Urlaub ist es ähnlich: Am Anfang fehlt das Geld und später die Zeit. Man muss also Strategien entwickeln, wie man ohne schlechtes Gewissen entspannen kann. Wenn der Stress-Pegel hoch genug ist, hat man sowieso keine andere Wahl, weil sonst die Neukundengewinnung darunter leidet, und das ist der Anfang vom Ende.
Geldmangel gibt es am Anfang reichlich. Auf jeden Fall in einer Branche, in der man immer wieder investieren muss, damit man wettbewerbsfähig bleibt.
Und wenn man glaubt, jetzt hat man mal was auf der Bank, möchte das Finanzamt auch wieder Geld haben. Das Finanzamt hat dazugelernt und ist dank EDV sehr schnell geworden. Wenn man mit dem Finanzamt kein Lastschriftverfahren hat, halten die sich nicht mehr mit einem langen Mahnungsprozedere auf. Es gibt zwei Hinweise und dann ganz schnell eine Kontosperrung. Danach kommt der Erklärungsnotstand bei der Bank. Ich habe das hinter mir. Der Trost der Bank hieß: Sie sind kein Einzelfall. Ich mache privat auch Buchhaltung in Hamburg, und meine Erfahrung im Nord-Süd-Gefälle ist: in Bayern reagiert das Finanzamt schneller als in Hamburg.
Und die wichtigsten Versicherungen sind: Kranken- und Berufsunfähigkeitsversicherung!
Wie oft haben Sie gedacht: „Es gelingt einfach nicht wie geplant, ich könnte/sollte eigentlich aufgeben“? Warum haben Sie doch nicht aufgegeben?
Zu dem Zeitpunkt, als die Bank mir einen Unternehmensberater „verordnet“ hat, reifte bei mir bereits der Entschluss, den Büroservice in der bestehenden Form aufzugeben. Das Jahr 2000 war das schlimmste Jahr meines Unternehmens. Ich hatte zwar hohe Umsätze aus einem sich langsam reduzierenden Kunden-Bestand, aber ein Jahr lang kein Neugeschäft mehr! Und ich machte Verluste bei hohen monatlichen Kosten. An der Kostenschraube ließ sich nur durch eigenen Verzicht drehen, und da war ich schon bei minimal. Ich habe dann noch mit vielen langjährigen externen Kunden versucht, das Unternehmen in abgespeckter Variante zu betreiben, aber das war auf Dauer keine wirkliche Lösung.
Als dann Geiz geil wurde, war das für den Bereich Büroservice bei mir das Aus. Als Interessenten mit mir über Bereitstellungskosten von € 20,00 / Monat (10 Stunden am Tag) sprechen wollten und mich für alles, was darüber lag, frech beschimpften, habe ich mich gefragt, was ich da eigentlich noch mache. Ich fing an, mit meinen langjährigen und treuen Kunden zusammen neue Lösungen für sie zu suchen und habe für jeden persönlich die Übergabe an Kollegen (aus Dienstleistungs-Ketten) betreut. Diese intensive Betreuung meiner Altkunden zahlt sich heute aus, weil aus diesem Bereich die ersten Coaching-Aufträge kamen, und weil mir der eine oder andere heute mit seinen Kontakten Türen öffnet, die ich allein nicht öffnen konnte.
Die Idee zur kompletten Aufgabe ist mir auch in der geschilderten Situation nicht gekommen. Nur die Frage: wie sieht die Lösung aus?
Parallel zu all diesen Aktivitäten kam mir zufällig das erste Asgodom-Buch in die Hände und sogar ein Vortrag in Nürnberg wurde angeboten. Da ich das Buch schnell gelesen hatte, war natürlich klar, dass ich zu dem Vortrag wollte. Mein Mann hat sich angeschlossen und war genauso begeistert wie ich. Dem Vortrag folge ein erster Coaching-Termin in München, im Jahr darauf ein zweiter und danach konnte ich wieder alleine „laufen“. Den Glauben an mich hatte ich zwar nicht verloren, aber die Termine bei Frau Asgodom gaben mir mein verschwundenes Selbstvertrauen wieder, und ich fühlte mich danach wie nach einer Gehirn-Dusche und glaubte, Berge versetzen zu können.
Welche Ängste hatten Sie auf dem Weg/haben Sie bis heute? Wann und warum haben Sie an der Richtigkeit des Weges gezweifelt?
Ich habe nie an der Richtigkeit meines Weges gezweifelt. Das habe ich vielleicht auch in mir. Ich hatte schon als Mitarbeiterin meine Anpassungsprobleme und konnte manchen erkennbaren Unsinn nur schwer ertragen. Die Tatsache, dass ich mir damit keine Probleme eingehandelt habe, danke ich meiner Erziehung zur Disziplin und der Einsicht in diesen Momenten, dass ich am „kürzeren Hebel“ sitze. Außerdem hatte ich immer und zu jeder Zeit ein sehr ehrgeiziges Vergnügen an meinen Tätigkeiten.
Kürzlich traf ich eine alte Lehrerin von mir, die auch mein Elternhaus in Hamburg kennt und mich nach meinem Lebens- und Berufsweg befragte. Ihr schmunzelnder Kommentar war: „Na ja, du warst als Kind schon sehr freiheitsliebend und unabhängig“. Ich habe nicht schlecht gestaunt, weil ich mich bei diesem Satz an den Ärger mit meinem Klassenlehrer und mein Gefühl von ständiger Unterdrückung erinnerte. Der Punkt ist vermutlich die unterschiedliche Sichtweise: Sie ist damit umgegangen, und den Klassenlehrer hat es genervt.
Die Ängste, die ich hatte und bis heute habe:
Die Finanzierung meines Unternehmens hat sich als hohes Risiko erwiesen. Meine Eltern haben mir für den Start Grundschuldsicherheiten zur Verfügung gestellt. Wir alle fanden das in Ordnung, weil sowohl meine Eltern als auch ich einen normalen und höflichen Umgang mit der Bank kennengelernt hatten. Wir hatten auch noch die schwachsinnige Idee vom „ehrlichen Umgang mit der Bank“. Inzwischen weiß ich es besser.
Die Veränderungen der vergangenen zwanzig Jahre im Wirtschafts- und Berufsleben sind so radikal, dass ich heute jedem rate, vor dem Gedanken an eine Bank- oder Venture Capital-Finanzierung erst alle anderen Möglichkeiten einer Finanzierung zu prüfen. In der Süddeutschen Zeitung gibt es aktuell (2007) eine Serie über Web 2.0-Gründer, die zu diesem Thema einige gute Ideen hatten. (z.B. viele atypisch stille Teilhaber = viele kleine Beträge).
Alles, was ich bei meinen Büroservice-Kunden und mir an Fakten und Soft Skills zum Thema Bank erfahren und beobachtet habe, würde ein eigenes Buch füllen und führt bei mir zur Erkenntnis: die Großbank bitte nur zum Geld wechseln und möglichst nicht zur Finanzierung, egal, wie nett der Banker tut. (Das ist übrigens auch die Lieblingsstrategie von Milliardär Warren Buffet. Ich habe darüber leider erst zu spät gelesen). Die Unterhaltungen mit meinem Neffen, der vor seinem Studium eine Banklehrer in einer deutschen Großbank gemacht hat, bestätigen meine schlimmsten Vermutungen – besonders zum Thema Umgang mit persönlichen Daten und Existenzgründern.
Gibt es etwas, was Sie sich zur Erleichterung der ersten Schritte gewünscht hätten?
Ich hätte mir gewünscht, dass meine Eltern mehr über ihre finanziellen Engpässe und deren Handhabung gesprochen hätten. Davon hätte ich profitieren können. Leider sprach man zu meiner Jugend NICHT offen über geschäftliche Probleme, MAN hatte KEINE Probleme, weil das nach Versagen aussah, und MAN versagt eben nicht. Das ist das deutsche Problem im Umgang mit geschäftlichem Versagen. Erst jetzt entsteht langsam eine Kultur des Scheiterns, wie es das in den USA gibt. Frei nach dem Motto: Wer einmal gescheitert ist, hat gelernt, wie man es richtig macht.
Professionelle Beratung glaubte ich bei dem Steuerberater meiner Eltern zu bekommen. Nachträglich habe ich festgestellt, dass er mich nicht wirklich ernst nahm.
Zusätzlich habe ich bei einigen künftigen Kollegen in anderen deutschen Städten Termine gemacht und meine Fragen zu notwendiger Technik, Einrichtung und möglichen Kundenproblemen gestellt. Sie haben sehr bereitwillig und ehrlich Auskunft gegeben.
Was allerdings keiner ahnen konnte:
Wir standen alle vor einen großen technischen Umbruch, an den aber noch niemand wirklich glaubte. Aus diesem Grund habe ich viel in Bürotechnik investiert, die ich keinen Tag benutzt habe. Ich kam zwar aus der Elektroindustrie, aber die ehemaligen Kollegen glaubten auch nicht alles, was sie hörten. Die Sekretariatsgeräte hießen noch „Textsystem“, der erste Microsoft PC mit grafischer Oberfläche (Windows 3.0) kam 1990 auf den Markt und war sehr teuer und sehr langsam. Die erste Festplatte hatte 20 MB und ein Server-Angebot der Firma Hewlett Packard lautete: DM 50.000,-- für 700 MB. Ab 1990 wurde zur Erhaltung der Wettbewerbsfähigkeit ständig in aktuellere und vor allem schnellere Technik investiert.
Sind Sie der Meinung, dass es Menschen gibt, die sich eher nicht selbstständig machen sollten?
Ja! Wer glaubt, andere sollen die Verantwortung für die eigenen Fehler übernehmen, der sollte sich nicht selbstständig machen, weil das hundertprozentig in die Insolvenz führt.
Ja! Es gibt Menschen, die einfach ihre Angst vor dem Risiko nicht überwinden können und Angst haben, mit Problemen aktiv umzugehen. Es gibt Menschen, die das auch nicht lernen können, weil ihnen das Selbstvertrauen fehlt. Wenn diese Menschen nicht irgendwann aus eigenem Antrieb etwas gegen ihr Problem unternehmen können, sollten sie nicht an Selbstständigkeit denken.
Ja! Es gibt Menschen, die zu bequem sind und immer den einfachsten Weg wählen. Für Bequeme ist die Selbstständigkeit kein Lebensmodell.
Man kann das auch häufig im Generationen-Modell von Unternehmen beobachten. Unternehmensnachfolger, die glauben es reicht, sich ins gemachte Nest zu setzen und zu kassieren, haben schon das eine oder andere Unternehmen beerdigen müssen.
Nein! Eine Altersgrenze nach oben kenne ich nicht, In meinem Freundeskreis gibt es Menschen über 80 Jahre, die immer noch selbstständig arbeiten, und es gibt Leute, die mit 20 schon in Rente wollen. Es ist wie alles, eine Frage der geistigen Reife und geistigen Fitness. Das eine lehrt das Leben und das andere muss man sich selbst erhalten.
Ja! Eine Altersgrenze nach unten hängt m.E. von der persönlichen Reife und Intelligenz des Gründers ab. Wenn man sehr jung ist, muss man Lebenserfahrung durch Demut und Intelligenz ersetzen. Junge Gründer (besonders in technischen oder handwerklichen Bereichen) fallen häufiger auf den Jubel über ihre Gründungs-Ideen rein und glauben, weil Sie in ihrem Fachbereich die Besten sind, geht alles andere von ganz allein. Wenn diese Fehleinschätzung nicht durch loyale und erfahrene Personen abgefedert wird, kann man in der Presse oder im Internet irgendwann lesen, dass der „Deutsche Gründerpreisträger aus dem Jahre …“ von der Firma … übernommen wurde oder noch schlimmer: Insolvenz anmelden musste.
Etwas brauchen heute altersunabhängig alle: Die Bereitschaft ein Leben lang zu lernen und offen zu sein für Ratschläge. (Nicht alles befolgen, aber zuhören und darüber nachdenken.)
Gibt es Menschen, die sich unbedingt selbstständig machen sollten?
Ich würde nie jemandem raten, sich unbedingt selbstständig zu machen. Das ist eine Entscheidung, die muss unbedingt jeder für sich allein treffen.
Wenn ich glaube, bei jemandem aus meiner Umgebung entsprechendes Potential zu entdecken, würde ich die Person auf diese Möglichkeit hinweisen. Merke ich dann, die Tür zu dieser Idee ist schon ein kleines bißchen offen, würde ich ein Coaching zur eigenen Klärung empfehlen. Ich würde dieser Person auch raten, die eigenen Pläne erst NACH der Klärung der eigenen Gedanken und Positionen öffentlich zu machen. Ein intensives Brainstorming kann immer noch ungeahnte Überraschungen enthalten und angedachte Pläne und Situationen total verändern. ICH würde wieder Frau Asgodom empfehlen. Die pult einem die Gedanken schon aus dem Gehirn und stellt die Fragen, die man vielleicht gar nicht hören will – und man fühlt sich trotzdem zu keiner Sekunde wie der Depp vom Dienst.
Welche Gefahren lauern, wenn sich die ersten Erfolge eingestellt haben?
1. Glaube an die eigene Unverwundbarkeit,
2. Glaube an die Unverwundbarkeit der Geschäftsidee,
3. materielle Begierden,
4. repräsentative Geschäftsadressen/-räume;
5. Geschäftsfahrzeug,
6. Workaholic werden, Angst vor der eigenen Freizeit haben,
7. Kontakte schleifen lassen, etc.
Nr. 1. und 2. gehören fast zusammen, obwohl 1. auch auf einem gesunden Maß an Dummheit gründet und 2. mit soviel Dummheit vermutlich nicht existieren würde.
Mit 1. kann man auf jeden Fall bei der Bank punkten.
Nr. 3. gründet auf Naivität und Bildungsnotstand. Wenn man nicht Rockefellers Erbe ist, hat der Liebe Gott vor den materiellen Erfolg immer noch den intensiven persönlichen Einsatz eingeschaltet. Wer materielle Begierde als Hauptziel hat, hält oft nicht durch, bis es Dukaten regnet. (Der könnte sich dann auf www.lebe-wild-und-unersaettlich.de trösten.)
Nr. 4. ist identisch mit 1., wenn das zu hoch aufgehängt wird. In Zeiten von Internet und Kostendämpfung kann das ein Problem werden, wenn die Kunden auf die Idee kommen, dass sie das mitbezahlen.
Nr. 5. kann auch ein Problem werden.
Problem: Als Angestellte sieht man das alles viel entspannter und findet es toll, wenn der Chef mal den Porsche-Schlüssel rausrückt. Als Selbstständiger ist einfach mehr Vorsicht geboten.
Ein Freund in der Schweiz ist mit 80 noch erfolgreich in seinem Beruf tätig und fährt u.a.: Roll Royce, Aston Martin, Jaguar – aber zur Bank fährt er mit einem Mazda. Ich hielt das früher immer für etwas übertrieben, aber heute weiß ich: Etwas wissen ist eine Sachen, etwas sehen eine andere. Er hat auch sonst alles erreicht, um sich entspannt seine Aufträge auszusuchen und evtl. auch abzulehnen, aber er achtet immer auf Reaktionen. Wenn er nicht ernst genommen wird, schadet das auch seinen Kunden.
Nr. 6. Workaholic zu sein, ist einfach gefährlich. Es macht krank, es macht vielleicht die Beziehung zu Partner und Freunden kaputt. Und ohne Alternativen zur Arbeit funktioniert irgendwann das Gehirn und die realistische Eigenbetrachtung nicht mehr. Egal, wie viel Spaß man an seiner Arbeit hat, Übertreibung macht einsam, auch wenn die Mitarbeiter einem nach dem Mund reden und man Ihnen glaubt. Es gibt Zeiten, das sind „20-Stunden-Tage“ angebracht, aber diese Zeiten dürfen nicht zum Dauerbetrieb werden. Es gibt Leute, die etwas Besonderes können, ihr Hobby zum Beruf machen, sehr erfolgreich sind und deshalb den Eindruck hinterlassen, als würden Sie spielerisch ständig arbeiten. Ich glaube allerdings, ohne Denkpausen und Einkehr in sich selbst ist kein dauerhafter Erfolg möglich.
Es gibt Branchen, in denen es IN und WICHTIG ist, immer auf 300 % zu laufen, aber Workaholics, die immer auf ihre vielen Stunden hinweisen, haben meiner Meinung eher ein Problem mit ihrem Selbstvertrauen und mit ihrer Selbst-Organisation als mit ihrer Arbeit. Manche tun nur so als ob und andere trennen sich vom Unternehmen und werden wieder normal (siehe auch „Die Kunst seine Berufung zu finden“ von Petra Bock).
Wir haben im Büroservice mit den Kunden, die es wünschten, Telefon-Formulierungen verabredet, die Ihnen Freiräume verschafft haben, ohne dass ein blöder Spruch von Anrufern kam: „Wo ist denn der schon wieder – hat der schon wieder Urlaub – hat der schon wieder Feierabend …“. „Er“ war ganz einfach bei einem Kunden-Termin und ruft zurück, morgen!
Nr. 7. Private Kontakte können unter der Selbstständigkeit leiden bis zum Bruch, besonders in der Gründungsphase. Die Meinung, dass man heute ein Unternehmen gründet und ab morgen das Geld im Keller umschichtet, ist immer noch sehr weit verbreitet. Irgendwann hat man keine Zeit, keine Nerven und keine Lust mehr, sich zu erklären. Vor allem nicht, wenn an dieser Stelle trotz intensiver Aufklärung immer wieder Entschuldigungen verlangt werden. Das kann auch mal Trennung von einer Freundin bedeuten. Bei mir war es so.
Geschäftliche Kontakte schleifen zu lassen, ist einfach geschäftlicher Selbstmord. So schwer es auch manchmal fällt, es muss sein. Deshalb sind auch Auszeiten und Denkpausen als Gegenpol so wichtig.
Manchmal werden langjährige Kunden auch zu guten Freunden, weil man dieselbe Sprache spricht und dieselben Probleme kennt. Das ist eine automatische Entwicklung.
Welche positiven Inspirationen hat der Schritt in die Selbstständigkeit gebracht?
Ich habe mit 43 Jahren auf einem Fortbildungsseminar zum Thema „Recht und Steuern für den Unternehmer“ meinen ebenfalls selbstständigen Mann kennen gelernt. Aus diesem Grund und dank meiner Herkunft hatte ich keine Probleme als Selbstständige.
Da es meine erste Ehe ist, musste ich nur lernen, meinen Mann an Entscheidungen, die uns beide betreffen, teilhaben zu lassen, statt ihm diese nur mitzuteilen: „Wir haben morgen Abend den …-Termin!“ – „Schön, dass ich das auch schon erfahre!“
Meine Erfahrungen zu diesem Thema bei meinen Kunden: Es ist unbedingt nötig und wichtig, den nächsten Familienmitgliedern das Thema Selbstständigkeit mit allen Vor- und Nachteilen, die sofort oder später kommen, ganz klar zu erklären, Situationen durchzuspielen und sehr nachdrücklich auf die kommenden Veränderungen hinzuweisen.
Wenn sich ein Partner selbstständig macht und der andere geistig in der Angestellten-Situation hängen bleibt, wird es ganz schnell Probleme geben. Diese Probleme kann man sich als Existenzgründer nicht leisten. Wenn der Partner nicht mitläuft, kann entweder das Unternehmen oder die Ehe kaputt sein und eine finanzielle Katastrophe eintreten.
Ihre drei Tipps für zukünftige NeugründerInnen
