Judith Kneiding, 43 Jahre, selbstständig seit September 1991
Wie groß ist Ihre Firma? (Mitarbeiter/Umsatz)
Ein-Frau-Unternehmen, 80.000 €/Jahr
In welcher Rechtsform ist die Firma organisiert?
Einzelunternehmen
Was genau war die anfängliche Geschäftsidee?
Mobiles Sekretariat
Was für ein Angebot an die Kunden hat sich aus der anfänglichen Geschäftsidee entwickelt?
Mobiles Sekretariat vor Ort beim Kunden oder in meinem Homeoffice – inkl. vorbereitende Buchhaltung und Telefonmarketing.
Erzählen Sie uns von den Anfängen Ihres Weges in die Selbstständigkeit: Wann haben Sie den Gedanken an Selbstständigkeit zum ersten Mal gefasst?
Im Juli 1991.
In welcher beruflichen (evtl. auch privaten) Situation waren Sie?
Ich hatte Mitte 1990 mit meinem damaligen Chef die Firma verlassen. Er hatte sich selbstständig gemacht und mich als seine Chefsekretärin „mitgenommen“. Es war das absolute Chaos, nichts klappte. Seine Firma lief nicht, und ich hatte schon Angst, dass er nicht überleben würde.
Außerdem war mein Mann seit 2 Jahren selbstständig. So hatte ich schon einen Einblick ins Selbstständigsein. Und ich fand das toll. Und ich fand meinen Beruf toll, wollte ihn nie aufgeben. Auch nicht, wenn wir einmal Kinder hätten. So war die Idee der Selbstständigkeit geboren. Einen Kunden hatte ich ja schon – meinen Mann.
Wie lange hat es bis zur Selbstständigkeit gedauert?
Nicht lange, zwei Monate.
Wie lange hat die konkrete Planungsphase gedauert?
Eine Planungsphase gab es nicht. Ich hatte alles, was ich für meine Selbstständigkeit brauchte. Einen PC, Telefon, Telefax und ein Auto. (Internet gab es damals noch nicht.) Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen.
Wie lange hat es gedauert, bis Sie zum ersten Mal den geplanten/erhofften Minimal-Umsatz erreicht hatten?
Sofort. Ich hatte auf Stellenangebote meine Dienstleistung angeboten. Und gleich die erste Aktion brachte mir meinen ersten langjährigen Kunden.
Was hat den Ausschlag für den Schritt in die Selbstständigkeit gegeben?
Wie gesagt, ich war an meinem Arbeitsplatz unglücklich. Unter anderem, weil ich ungewohnterweise allein im Büro war. Und ich hatte Existenzangst, weil ich glaubte, dass mein Chef mit seiner Selbstständigkeit scheitern würde.
Außerdem reizte mich die eigene Selbstständigkeit. Ich sah ja bei meinem Mann, welche Vorteile sie bringt: endlich die eigene Chefin sein, nicht mehr fremdbestimmt und und und. An mir gezweifelt hatte ich nie. Ich war noch jung. Was hatte ich zu verlieren?
Und nicht zu vergessen: der Kinderwunsch. Eine Selbstständigkeit ließe sich hervorragend mit meinem Kinderwunsch arrangieren, da wir beide in der Selbstständigkeit unsere Zeit selbst einteilen konnten.
Welche Ihrer Charakterstärken haben Ihnen in der Anfangsphase geholfen? Welche Charakterstärken haben geholfen, bis heute den Weg der Selbstständigkeit durchzuhalten?
Meine Fähigkeit, mich schnell in unterschiedliche Aufgabenstellungen hineindenken zu können, meine Schnelligkeit bei Routinearbeiten im Sekretariat, mein Hang zur Perfektion. Und die Freude daran, in verschiedene Branchen reinzuschnuppern.
Welche Ihrer Talente haben beim Weg in die Selbstständigkeit geholfen?
Meine Wissbegierde. Alle meine Auftraggeber haben mich interessiert. Ich wollte wissen, was hinter den einzelnen Branchen steckt, was für Besonderheiten. Ich fand das immer total spannend. Und wohl auch mein Harmoniedrang. Denn ich war nie so tief mit einem Unternehmen (einem Chef, einer Kollegin etc.) verbunden, dass es zu Streitereien oder sogar zu Mobbing hätte kommen können. Der Abstand, meine Sicht von außen zu wahren, waren mir immer wichtig.
Woher kam das Geld zum Leben in der Anfangszeit, bevor Sie erstes Geld in der Selbstständigkeit verdient haben?
Ich hatte totales Glück, denn bei mir floss das Geld von der ersten Stunde. Und das – Gott sei dank – nicht zu knapp. Denn kurz bevor ich mich selbstständig machte, erkrankte mein Mann (Bandscheiben-OP) und war ein halbes Jahr außer Gefecht gesetzt. Diesen finanziellen Engpass konnte ich durch meine Selbstständigkeit wieder gut ausgleichen.
Hatten Sie Ratgeber (Menschen/Firmen/Bücher/Computerprogramme)? Welche waren besonders wichtig?
Keine Ratgeber im klassischen Sinn. Eher das Umfeld meines Mannes, weil er ja schon selbstständig war. Und ich fand das eben einfach richtig toll.
Vor welchen Herausforderungen standen Sie beim Schritt in die Selbstständigkeit? Welche Veränderungen/Probleme gab es?
Meine Selbstständigkeit lief bombig an. Natürlich musste ich dafür hart arbeiten – viel mehr Arbeitsstunden, weil ich ja nach Stunden bezahlt wurde. Und auch der Urlaub kam zu kurz.
Belastungen kamen durch einen großen Fehler, den mein Mann und ich machten. Wie heißt es so schön. „Der Schuster hat immer die schlechtesten Schuhe.“ Mein Mann ist in der Finanzdienstleistung tätig und war, bevor er krank wurde, nicht richtig abgesichert. Natürlich sprachen wir vorher immer darüber, das schleunigst zu ändern. Weil wir beide ja sehr gut verdienten. Aber beim Reden blieb es. Zudem haben wir uns nie so richtig darüber informiert, was der Fiskus will. Und so kam alles zusammen. Ein halbes Jahr Verdienstausfall meines Mannes und Zahlungen ans Finanzamt von über 50.000 DM.
Gott sei dank hatten wir beide den Biss und den Willen, das zu überstehen, ohne größere „Schäden“ (EV, Offenbarungseid, Pleite etc.). Und Gott sei dank hatte ich mich selbstständig gemacht und konnte durch meine viele Arbeit ein großes finanzielles Stück beitragen.
Bereits nach drei Jahren Selbstständigkeit hatte ich zwei freiberufliche Mitarbeiterinnen, die ich in Firmen (als Subunternehmerinnen) einsetzte. Daran habe ich auch verdient. Das war natürlich eine große Unterstützung, um unser finanzielles Chaos zu überstehen.
Wie oft haben Sie gedacht: „Es gelingt einfach nicht wie geplant, ich könnte/sollte eigentlich aufgeben“? Warum haben Sie doch nicht aufgegeben?
Das kam später (so sechs, sieben Jahre nach der Gründung). Nachdem sich die finanziellen Wogen einigermaßen geglättet hatten, machte mir der Staat den ersten Strich durch die Rechnung: Die Scheinselbstständigkeit wurde eingeführt. Ich konnte meine zwei Mitarbeiterinnen nicht mehr einsetzen, weil beide nur halbtags tätig waren und nur für einen Auftraggeber.
Und unser Kinderwunsch hatte sich – trotz ärztlicher Unterstützung – immer noch nicht erfüllt. Ich musste ins Krankenhaus, und die Gefahr, dass ich durch die hohen Hormondosen meine Gebärmutter verliere, war sehr groß. Auf ärztlichen Rat haben wir die künstlichen Eingriffe eingestellt.
Da saß ich nun. Mitarbeiterinnen weg. Die Aussicht auf Kinder weg. Da sagte ich mir: „Dann mach ich halt auf Karriere.“ Ich mietete ein separates Büro an. Investierte in ein neues Logo, in tolle Flyer und akquirierte ein bisschen. Der Rücklauf war nicht schlecht, ich bekam immer mehr Aufträge für Schreibarbeiten.
Das war aber überhaupt nicht das, was ich wollte. Ich wurde immer demotivierter, hatte keine Lust mehr zum Aufstehen. Sicher, ich hatte noch meine Firmenkunden. Aber die konnten mich auch nicht „aufheitern“. Außerdem wurden sie auch immer weniger, weil ich – wie schon gesagt – immer Schreibaufträge anzog. Wieder investierte ich in ein neues Logo, in tolle Flyer und akquirierte. Das Akquirieren fiel mir besonders schwer. Ich kannte das ja gar nicht aus meinen Anfangszeiten. Und mich selbst verkaufen müssen!? Ein Gräuel für mich.
Kurz gesagt: Über drei Jahre saß ich in dem Loch. Hatte haufenweise Geld sinnlos in neue Firmenauftritte investiert, bis ich endlich meine restlichen Kröten sinnvoll investierte. In ein professionelles Coaching. In der Zeit dachte ich oft daran aufzugeben. Ich habe mich sogar um eine Stelle als Sekretärin beworben. Wurde auch gleich zum Vorstellungsgespräch eingeladen. Als dann die Frage kam, ob ich überhaupt mit dem Computer umgehen könnte, war ich geplättet. Dieser Mensch hatte überhaupt keine Ahnung von dem Beruf einer Sekretärin. Der brauchte wohl eine bessere Tippse. Ich war in meiner Berufsehre gekränkt und gleichzeitig geheilt: Nein, aufgeben wirst Du nicht! Du nicht!
Welche Ängste hatten Sie auf dem Weg/haben Sie bis heute? Wann und warum haben Sie an der Richtigkeit des Weges gezweifelt?
Das Schlimmste für mich war wirklich, mich „verkaufen“ zu müssen. Ich dachte immer, die Kunden werden schon von alleine kommen, so wie in meiner Anfangszeit auch. Ich habe lange nicht gewusst, warum ich so fühlte. Inzwischen ist es mir klar geworden. Das hat mit meiner Kindheit zu tun. Das „verkaufen müssen“ hat ein etwas von „Prostitution“.
Seit mir meine Ängste klar geworden sind, kann ich verkaufen. Es gehört zum Selbstständigsein dazu. Egal, was man/frau tut. Und inzwischen macht es mir sogar Spaß. Von mir, von meinem Beruf, von meinem Unternehmen zu plaudern. Und Kunden direkt anzusprechen.
Gibt es etwas, was Sie sich zur Erleichterung der ersten Schritte gewünscht hätten?
Ja, auf jeden Fall hätte ich mir Beratung in Sachen Finanzamt/Steuern/Abgaben gewünscht. Ich wusste ja gar nicht, was auf mich zukommt. Vielleicht wäre ein Businessplan angebracht gewesen.
Dann wäre eine Zielplanung wichtig gewesen. Ich brauchte das zwar nicht am Anfang, aber in meiner Tiefphase. Denn was war passiert: Mein Ziel – der Kinderwunsch – war weg. Und so schlenderte ich mehrere Jahre ziellos durch den Unternehmensdschungel. Das kostet enorm viel Kraft. Und hat mich auch finanziell ziemlich zurück geschmissen …
Aber ich habe daraus auch gelernt. Inzwischen biete ich Beratungen für Sekretärinnen/Assistentinnen an, die mit dem Gedanken spielen, sich selbstständig zu machen. Und diese werden sogar vom RKW Baden-Württemberg bezuschusst.
Sind Sie der Meinung, dass es Menschen gibt, die sich eher nicht selbstständig machen sollten?
Ja, die gibt es. Die unternehmerische Persönlichkeit muss stimmen. Die Menschen brauchen ein gewisses Maß an Selbstverantwortung, Mut und Biss. Es wird einem nämlich nichts geschenkt. Und das ist gut so.
Eine Altersgrenze nach oben oder unten gibt es meiner Meinung nach nicht. Jeder kann sich zu jederzeit selbstständig machen, wenn die Persönlichkeit stimmt.
Gibt es Menschen, die sich unbedingt selbstständig machen sollten?
Menschen, die nicht mehr fremdbestimmt sein wollen, die Risikobereitschaft zeigen, die Verantwortung für sich und ihr Leben tragen wollen, die sollten sich selbstständig machen.
Welche Gefahren lauern, wenn sich die ersten Erfolge eingestellt haben?
Ich denke, die aufgeführten Beispiele könnten Gefahren darstellen. Ich selbst kann dazu jedoch nicht viel berichten, denn wie erzählt, kam nach dem großen Erfolg der schonungslose Einbruch ;-).
Welche positiven Inspirationen hat der Schritt in die Selbstständigkeit gebracht?
Du musst als Selbstständige immer am Ball bleiben, Dich fort- und weiterbilden. Über den Tellerrand hinausschauen. Dich über die Konkurrenz informieren, branchenähnliche Bereiche analysieren. Das ist für mich total spannend. Aber nicht nur das hat dazu beigetragen, dass sich mein Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl wahnsinnig gesteigert hat. Fast wie im Märchen. Vom hässlichen Entlein zum schönen Schwan ;-))
Auch im Privatleben spielt das eine große Rolle. Weil wir beide selbstständig sind, haben wir ähnliche berufliche und private Ziele. Und wir zeigen Verständnis. Verständnis für die langen Arbeitszeiten. Verständnis für die zum Teil gegensätzlichen Arbeitstage (mal arbeitet er am Wochenende, mal ich …). Nur der Urlaub kommt manchmal wirklich zu kurz ;-)
Ihre drei Tipps für zukünftige NeugründerInnen
