Name: Christiane Jung, verheiratet, 1 Tochter (3,5 Jahre alt)
Alter: 38
Wie lange sind Sie schon selbstständig?
seit zwei Jahren dh. seit August 2005
Wie heißt Ihre Firma?
perspektiven & potenziale, www.perspektiven-und-potenziale.de
Wie groß ist Ihre Firma? (Mitarbeiter/Umsatz)
1 Person, ca. 35.000 Umsatz
In welcher Rechtsform ist die Firma organisiert?
Freiberufliche Tätigkeit
Was genau war die anfängliche Geschäftsidee?
Nebenberufliche, freie Tätigkeit mit einem klassischem Trainingsangebot für die Bereiche Vertrieb und Kommunikation.
Was für ein Angebot an die Kunden hat sich aus der anfänglichen Geschäftsidee entwickelt?
Selbstständige Tätigkeit: Trainingsangebot und Einzelcoaching für Vertrieb und Kommunikation mit Schwerpunkt Vertrieb. Das Besondere ist die Methode, die ich aufgrund meiner privaten Leidenschaft und meines Hobbies, persönlichen Studien und Weiterbildung entwickelt habe: Ich arbeite in meinen Trainings sehr stark mit Theaterelementen und dies kommt sehr gut an.
Erzählen Sie uns von den Anfängen Ihres Weges in die Selbstständigkeit: Wann haben Sie den Gedanken an Selbstständigkeit zum ersten Mal gefasst?
Mit ca. 32 Jahren, als ich mir dachte, dass ich irgendwann einmal sehr gerne Kinder haben würde und mir überhaupt nicht vorstellen konnte, wie das als Key Account Managerin mit einem 50-60 Stunden-Job gehen sollte.
Außerdem stellte ich mit 33 Jahren, nach zehn Jahren beruflicher Tätigkeit im Vertrieb bei börsennotierten Unternehmen eine gewisse „Quartalsmüdigkeit“ an mir fest. Das Jahr bestand nicht aus Jahreszeiten, sondern aus Quartalen. Jedes Quartal war ein neuer Kraftakt – schneller – höher – weiter – neue Kunden, mehr Umsatz. Am 30. oder 31. war es dann immer geschafft und am ersten des Folgemonats ging es ohne Unterbrechung weiter.
Am Anfang der Selbstständigkeit wusste ich vor allem, was ich nicht will, bzw. nicht mehr will. Der Weg, dass ich sagen konnte, was ich denn stattdessen wollte, dauerte länger. Ich habe mich dann meines ersten Berufswunsches – Lehrerin – erinnert und mir überlegt, welchen Beruf es gibt, der mein jetziges Können und Talent – sprich das Verkaufen – und die Leidenschaft fürs Unterrichten vereinbart. So kam ich auf Trainerin. Nebenberuflich habe ich dann anderthalb Jahre an der Hochschule für Philosophie in München Erwachsenenpädagogik studiert. Zugleich habe ich weiter als Key Account Managerin gearbeitet.
Dann habe ich all meinen Mut zusammengenommen und mich bei meinem Unternehmen als Vertriebstrainerin um eine Teilzeitstelle beworben mit der Absprache: nebenberuflich tätig sein zu dürfen. Man ließ mich nicht gerne ziehen, da ich als Key Account Managerin sehr erfolgreich war, aber irgendwie war wohl allen klar, dass ich auf Dauer in diesem Job nicht zu halten war.
Kurze Zeit vor Vertragsunterzeichnung für die Teilzeitstelle mit meinem neuen Chef (im gleichen Unternehmen) stellte ich fest, dass ich schwanger bin. Mit großen Bedenken ging ich zur Vertragsunterzeichnung, erzählte alles und wurde von meinem neuen Chef einfach zur Mutterschaft beglückwünscht. Diesen Moment werde ich nie vergessen.
Drei Monate nachdem meine Tochter geboren war, war ich wieder da – in der Teilzeitstelle – die ich mir quasi fast selbst geschaffen hatte.
Meine ursprüngliche Idee war, als angestellte Trainerin auch freiberuflich arbeiten zu können. Mit Kind stellte sich dann heraus, dass aus Kapazitätsgründen nur eines geht: entweder angestellt oder selbstständig
In welcher beruflichen (evtl. auch privaten) Situation waren Sie?
Als ich zum ersten Mal an Selbstständigkeit dachte, war ich angestellte Key Account Managerin für Software-Lösungen, „top-performend” mit über 120.000 Euro Jahresgehalt, angesehen in der eigenen Firma und bei Kunden, BMW-Dienstwagen, Coach für Junior Verkäufer des eigenen Unternehmens, ohne Kind, glücklich verheiratet und beruflich unzufrieden.
Wie lange hat es bis zur Selbstständigkeit gedauert?
Von dem ersten Gedanken bis zur gedruckten eigenen Visitenkarte: 2,5 Jahre. Der Entscheidungsprozess hat am längsten gedauert. Die Umsetzung nach der Entscheidung ging dann schnell.
Wie lange hat die konkrete Planungsphase gedauert?
4 Monate. Als ich mich entschieden hatte, den Schritt zu tun, ging es wie gesagt schnell.
Wie lange hat es gedauert, bis Sie zum ersten Mal den geplanten/erhofften Minimal-Umsatz erreicht hatten?
5 Monate
Was hat den Ausschlag für den Schritt in die Selbstständigkeit gegeben?
Als Teilzeit Trainerin war ich irgendwann nicht mehr überwiegend operativ trainierend, sondern mehr verwaltend tätig. Die Qualität der Arbeit war nicht die, die ich mir vorstellt hatte. Und im Grunde wollte ich immer selbstständig sein, seit ich das erste Mal darüber nachgedacht hatte Trainerin zu werden.
Als sich dann bei meinem Mann ein beruflicher Ortswechsel von Traunstein nach München ergab, habe ich dies als Zeichen gewertet nun endlich auch den entsprechenden Schritt zu tun. Und es war richtig so.
Welche Ihrer Charakterstärken haben Ihnen in der Anfangsphase geholfen? Welche Charakterstärken haben geholfen, bis heute den Weg der Selbstständigkeit durchzuhalten?
Ich bin strukturiert, arbeite organisiert und diszipliniert. Und ich weiß, was ich selbst gut kann und wo ich mir am besten Hilfe hole.
Welche Ihrer Talente haben beim Weg in die Selbstständigkeit geholfen?
Mein Schauspieltalent und meine Schauspielerfahrung, Mein BWL-Studium, meine vertriebliche Berufserfahrung, mein Ehrgeiz und meine dramatische Lebensauffassung – wie mein Mann immer sagt. Konkret heißt das: nach Niederlagen und schweren Momenten und den dazu gehörenden Wutanfällen und vielen Tränen die Ärmel wieder aufkrempeln und weitermachen.
Woher kam das Geld zum Leben in der Anfangszeit, bevor Sie erstes Geld in der Selbstständigkeit verdient haben?
Gespartes Geld aus meiner Angestelltenzeit, Existenzgründungszuschuss der Bundesagentur für Arbeit, Zusage der Unterstützung durch meinen Mann im Falle eines Falles …
Hatten Sie Ratgeber (Menschen/Firmen/Bücher/Computerprogramme)? Welche waren besonders wichtig?
Zuallererst mein Mann, der mich immer unterstützt und ermutigt hat. Meine Eltern, die mir bei der Betreuung unserer Tochter Luisa – trotz Kinderfrau – eine wichtige Stütze sind, und ohne die ich nicht da wäre, wo ich heute bin.
Meine Freundin und Kollegin Stefanie Marek, mit der ich mich seit einigen Jahren zum „Tandem-Coaching“ treffe. Aus diesen Coachings habe ich vor allem auch in beruflicher Hinsicht sehr viel gewonnen habe.
Und ich habe mir vor der Selbstständigkeit ein Einzelcoaching geleistet und dann auch nochmals mehrere Sitzungen im ersten Jahr meiner Selbstständigkeit von meinem Mann geschenkt bekommen. Das war Gold wert.
Vor welchen Herausforderungen standen Sie beim Schritt in die Selbstständigkeit? Welche Veränderungen/Probleme gab es?
Die größte Herausforderung war, den Mut zu finden, die ungeliebte, sichere Situation zu verlassen und ins kalte Wasser zu springen, ohne zu wissen, ob ich Erfolg haben werde oder nicht. Verhungert wäre ich nicht, aber für mich selbst wäre es nicht ganz einfach geworden, wenn sich kein Erfolg, sprich keine Aufträge eingestellt hätten.
Schwierig war und ist auch das Thema Kinderbetreuung. Wir hatten von Anfang an eine private Kinderfrau, die zu uns ins Haus kam.
Kurzfristige Krankheits- und Fehlzeiten sind bei einer Einzelperson, dh. wenn es also keine Betreuungsinstitution ist, immer eine mittlere bis größere Katastrophe, und ohne meine Eltern und meinen Mann, wäre mancher Termin nicht möglich bzw. möglich gewesen.
Daher bin ich sehr froh, wenn meine Tochter ab Herbst in den Kindergarten geht und hoffe sehr, dass es ihr dort gefällt.
Wie oft haben Sie gedacht: „Es gelingt einfach nicht wie geplant, ich könnte/sollte eigentlich aufgeben“? Warum haben Sie doch nicht aufgegeben?
Es passiert immer wieder – gerade erst vor einer Stunde – als ich in den Kalender geschaut habe und mir dachte: „Es wird mir alles viel zu viel, und am liebsten würde jetzt erst mal eine ganz lange berufliche Pause machen.“ Das ginge aber nicht lange gut, dass weiß ich schon. Meist hilft ein Trödelnachmittag, und mir geht es wieder gut. Es passiert immer dann, wenn ich nicht genügend Schlaf bekomme und meine Energiebilanz ins Wanken gerät. Dann werde ich mut- und kraftlos.
Welche Ängste hatten Sie auf dem Weg/haben Sie bis heute? Wann und warum haben Sie an der Richtigkeit des Weges gezweifelt?
An der Richtigkeit des Weges habe ich nie gezweifelt. Den Weg zurück in die angestellte Tätigkeit sah ich nie und sehe es bis heute nicht. Die Angst, nicht erfolgreich zu sein, war jedoch groß und ist es auch heute noch. Erfolg ist in diesem Fall ebenfalls wieder, Kunden und Aufträge zu haben. Ich war beruflich immer ehrgeizig und erfolgreich, und es wäre sehr ungewohnt und schwer für mich, wenn ich keinen beruflichen Erfolg hätte. Das ist mir schon auch wichtig. Allerdings habe ich inzwischen gelernt, ein besseres Maß der Dinge zu finden. Das kommt bestimmt durch meine Tochter …
Und dann gibt es hin und wieder noch die Angst, ob ich allem gerecht werde: eine „gute Mutter“ sein, eine erfolgreiche Trainerin sein, für meinen Mann da sein und vor allem auch noch Mußezeiten für mich selbst finden. Das alles zu schaffen, finde ich manchmal sehr schwer. Das geht nur mit Entschleunigung und Runterschrauben der eigenen Ansprüche, was mir gar nicht so leicht fällt.
Gibt es etwas, was Sie sich zur Erleichterung der ersten Schritte gewünscht hätten?
Von mir selbst: mehr Mut
Und sonst: mehr Beispiele und Vorbilder aus der Praxis von Frauen in ähnlicher Situation.
Sind Sie der Meinung, dass es Menschen gibt, die sich eher nicht selbstständig machen sollten?
Jeder, der es wirklich will, kann es, glaube ich, schaffen. Jemand, der sich gar nicht für die kaufmännischen Themen interessiert, sollte sich rechtzeitig Hilfe suchen, dass „die Welle“ nicht irgendwann über ihn drüberrollt. Und was sehr hilft, ist meiner Meinung nach die Fähigkeit, um Hilfe bitten zu können und diese dann auch anzunehmen. Auch zu sehen, wo sind meine Grenzen – was kann ich gut, und wo brauche ich Unterstützung.
Gibt es Menschen, die sich unbedingt selbstständig machen sollten?
Jemand, dem die angestellte Tätigkeit auf Dauer immer Daumenschrauben anlegt und der sich nicht verwirklichen kann und unglücklich ist – der sollte es tun, wenn es irgendwie geht.
Derjenige, der schon länger davon träumt.
Mütter und Väter mit Kindern, weil sich bei guter Planung und Organisation Beruf und Familie vereinbaren lässt.
Welche Gefahren lauern, wenn sich die ersten Erfolge eingestellt haben?
Eine Gefahr für mich persönlich wird immer sein, die Balance zu verlieren bzw. richtig zu halten. Wie viel kann ich machen, damit es mir, meiner Familie und auch meinem Business gut geht. Wer braucht welchen Zeit- und Aufmerksamkeitsanteil. Wann und in welcher Intensität?
Welche positiven Inspirationen hat der Schritt in die Selbstständigkeit gebracht?
Ich würde es jederzeit wieder tun. Und ich habe gelernt, dass ich die Ängste, die ich aufgrund der Unsicherheit, gerade am Anfang hatte, aushalten kann. Obwohl ich weniger verdiene als Key Account Managerin, führe ich heute ein freieres und selbstbestimmteres Leben, das nicht mehr durch Quartale, sondern wieder durch Jahreszeiten geprägt wird.
Und obwohl ich hin und wieder an meine Grenzen komme, möchte ich meiner heute dreieinhalbjährigen Tochter gerne zeigen, dass es möglich ist, eine Familie zu haben und einen Beruf auszuüben, der einem Freude macht.
Wenn ich das schaffe, habe ich schon viel erreicht.
Ihre drei Tipps für zukünftige NeugründerInnen
